Vitamin D supplementieren: Muss oder Marketing-Hype?

Bild von Marie Winkler
Marie Winkler

Ernährungsexpertin

Frauen nehmen Vitamin-D-Kapseln mit Wasser.
In diesem Artikel:

Es ist eine der meistverkauften Nahrungsergänzungen in Deutschland, und gleichzeitig eine der umstrittensten. 

Vitamin D wird als Wundermittel gegen Müdigkeit, Infekte und schlechte Laune beworben, während andere Stimmen sagen: Das ist alles nur Marketing, die meisten Menschen brauchen das gar nicht.

Was stimmt jetzt? Ein Blick in die Datenlage zeigt: Laut der Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland (DEGS) sind mehr als 60 Prozent der Erwachsenen hierzulande nicht ausreichend mit Vitamin D versorgt.

Das klingt zunächst dramatisch, bedeutet aber nicht automatisch, dass jede und jeder ein Präparat braucht.

Wir schauen uns an, was Vitamin D im Körper eigentlich macht, wer wirklich supplementieren sollte, und wo die Grenze zwischen sinnvoller Nahrungsergänzung und überflüssigem Konsum liegt.

Warum Vitamin D überhaupt wichtig ist

Vitamin D ist vor allem für seine Rolle im Calcium-Stoffwechsel bekannt: Es unterstützt die Aufnahme von Calcium aus dem Darm und dessen Einbau in die Knochen.

Das kann für die Knochengesundheit von Bedeutung sein, insbesondere im Alter oder bei körperlich fordernden Sportarten.

Darüber hinaus gibt es Hinweise darauf, dass Vitamin D auch andere Funktionen im Körper beeinflusst: Es scheint eine Rolle im Immunsystem zu spielen und könnte an der Funktion von Muskelzellen sowie der Insulinausschüttung beteiligt sein.

Wichtig dabei: Vieles davon ist gut erforscht, einiges aber auch noch Gegenstand laufender Studien, dazu später mehr.

Genaugenommen ist Vitamin D übrigens gar kein klassisches Vitamin, sondern eher ein Hormon: Der Körper kann es bei ausreichend Sonnenlicht selbst herstellen.

Wie kommt der Körper eigentlich an Vitamin D?

Der Großteil des Vitamin-D-Bedarfs, etwa 80 bis 90 Prozent, wird über die körpereigene Produktion in der Haut gedeckt, wenn UVB-Strahlung auf die Haut trifft.

Über die Ernährung lassen sich dagegen nur etwa 10 bis 20 Prozent des Bedarfs decken, denn nur wenige Lebensmittel enthalten nennenswerte Mengen: fetter Fisch wie Lachs oder Hering, in geringerem Maße Eier und manche Speisepilze.

Das Problem: In den Herbst- und Wintermonaten reicht die UVB-Strahlung in unseren Breitengraden meist nicht aus, um genug Vitamin D zu bilden.

Der Körper zehrt dann von den Speichern, die er sich im Sommerhalbjahr angelegt hat, in Fett- und Muskelgewebe sowie in der Leber. Reicht dieser Vorrat nicht, kann es zu einer Unterversorgung kommen.

Wer ist besonders gefährdet für einen Mangel?

Nicht jeder muss sich gleichermaßen Gedanken machen.

Bestimmte Gruppen tragen laut DGE und BfR ein höheres Risiko:

  • Menschen mit wenig Aufenthalt im Freien (Bürojobs, eingeschränkte Mobilität)
  • Ältere Menschen über 65 bis 70 Jahre (Hautsynthese nimmt ab)
  • Menschen mit dunklerer Hautpigmentierung (Melanin reduziert UVB-Aufnahme)
  • Bewohner:innen von Pflegeheimen
  • Schwangere (Supplementierung häufig im Rahmen der Standardversorgung)
  • Menschen mit chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen (Aufnahme beeinträchtigt)

 

Wer zu einer dieser Gruppen gehört, für den kann eine gezielte Supplementierung sinnvoll sein, Rücksprache mit einer Ärztin oder einem Arzt vorausgesetzt.

Was sagt die Forschung wirklich? Zwischen Hype und Evidenz

Was klar belegt ist: Bei Risikogruppen mit nachgewiesenem Mangel kann Supplementierung positive Effekte auf den Knochenstoffwechsel haben.

Bei älteren Menschen wurde eine Reduktion von Sturzhäufigkeit und Frakturrate beobachtet, besonders in Pflegeheimen.

Was nicht ausreichend belegt ist: Größere Metaanalysen zeigen keinen belegbaren Einfluss auf Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Gesamtmortalität.

Effekte bei Atemwegsinfektionen sind minimal.

Die Vorstellung, Vitamin D könne pauschal vor Erkältungen, Depressionen oder Herzproblemen schützen, ist wissenschaftlich nicht ausreichend abgesichert, auch wenn genau das oft suggeriert wird.

Die aktuelle Studienlage reicht nicht aus, um daraus eine generelle Empfehlung für die breite Bevölkerung abzuleiten.

Wie viel ist sinnvoll und wo die Grenze zur Überdosierung liegt

Die DGE empfiehlt bei unzureichender körpereigener Bildung bis zu 20 Mikrogramm (800 I.E.) pro Tag für Erwachsene, ähnlich für Menschen über 70.

Hochdosierte Präparate ab 4.000 I.E. (100 µg) pro Tag bergen bei langfristiger Einnahme Risiken.

In Einzelfällen wurden schwere Nierenschäden durch unkontrollierten Konsum hochdosierter Präparate dokumentiert.

Fazit: Warum ein Bluttest der bessere erste Schritt ist

Für bestimmte Risikogruppen kann eine Supplementierung sinnvoll und durch Studien gestützt sein, besonders in den dunkleren Monaten.

Für alle, die viel Zeit im Freien verbringen, sich ausgewogen ernähren und keiner Risikogruppe angehören, ist der pauschale Griff zum Präparat nicht zwangsläufig notwendig, und bei falscher Dosierung sogar mit Risiken verbunden.

Sinnvollster erster Schritt: Bluttest beim Hausarzt (25-OH-Vitamin-D bestimmen lassen).

Erst auf dieser Basis lässt sich seriös einschätzen, ob und in welcher Dosierung eine Supplementierung sinnvoll ist.

Häufig gestellte Fragen

Nicht zuverlässig. Ein Mangel verläuft oft symptomlos. Nur ein Bluttest gibt wirklich Klarheit.
D3 (Cholecalciferol) gilt als wirksamer bei der Erhöhung des Blutspiegels und wird deshalb bevorzugt.
Nein. Der Körper reguliert die Eigenproduktion selbst. Eine Überdosierung ist nur durch Präparate möglich.
Nein. Nur etwa 10 bis 20 Prozent des Bedarfs kommen aus Lebensmitteln, der Rest über Sonne oder ein Präparat.
Laut aktueller Datenlage nicht begründbar ohne nachgewiesenen Mangel oder Risikofaktor. Zuerst den eigenen Status kennen, dann entscheiden.
Lachende Frau

Geschrieben von Marie Winkler

Als zertifizierte Ernährungsberaterin mit einem Master in Biochemie setzt sich Marie für einen gesünderen Lebensstil in allen Altersgruppen ein.

Weitere Artikel